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Inklision © Friedrich-Ebert-Stiftung

HOCHBEGABTE und LANGSAMER LERNENDE am Hans-Carossa-Gymnasium

 

Die Förderung langsam lernender Schüler*innen ist seit langem Anliegen und geübte Praxis am Hans-Carossa-Gymnasium. Neu an unserer Schule und seit einem dreiviertel Jahr aktiv ist die Lerngruppe Besondere Begabung (LBB). Betreut wir diese Gruppe von der Sozialpädagogin Anja Müller und dem Lehrer Karsten Lehmann.

Ein ausführlicher Artikel mit Stellungnahmen von

  • Anja Müller, Sozialpädagogin am HCG

  • Wolfgang Schneider, Entwicklungspsychologe

  • Barbara Lakmes, Lehrerin und Inklusionsbeauftragte

  • Henning Rußbült, Schulleiter

  • Senat Bildung, Jugend und Sport

 

LERNGRUPPE BESONDERE BEGABUNG

Warum wurde die Lerngruppe Besondere Begabung eingerichtet?

Müller: Anlass waren Erfahrung mit Kindern, die besondere Begabungen, z.B. im mathematischen Bereich, haben. Manche dieser Kinder zeigten auch Verhaltensauffälligkeiten im Unterricht. Und so dient die Lerngruppe Besondere Begabung (LBB) einem zweifachen Ziel:

  • die besonderen Begabungen zu fördern
  • und gleichzeitig den Kindern in einer kleineren Gruppe die Möglichkeit zu geben, anders als in der großen Klasse zu agieren.


Kann ein Schüler oder eine Schülerin sich um die Aufnahme in die LBB bewerben?

Müller: Grundsätzlich kommen die Schüler*innen über eine Empfehlung des Klassenlehrers bzw. der Klassenlehrerin in die LBB. Aber natürlich können Schüler sich auch direkt an mich oder an Herrn Lehmann, der als Lehrer die Gruppe mit mir leitet, wenden.


Sind das alles Schnelllerner und Kinder mit einem hohen Intelligenzquotienten?

Müller: Die meisten in der LBB haben einen überdurchschnittlichen IQ, einen IQ also, der über 130 liegt; es gibt aber auch einige, die mit ihrem IQ im Durchschnittsbereich liegen, aber von besonderer Kreativität sind.


Was machen die Mitglieder der Gruppe, wenn sie zusammenkommen?

Müller: Im vergangenen Jahr haben wir uns mit mathematischen Aufgaben, Rätseln und Schach beschäftigt. Künstliche Intelligenz war ein großes Thema und Philosophisches aus „Sofies Welt“.

Auch bedienen wir uns des Themas „Entstehung der Sprache“ sowie Philosophischem, wie z.B. einem Gedankenexperiment des Philosophen Hilary Putman zum Thema „Wer weiß, ob die Wirklichkeit wirklich wirklich ist.“


Dann wurde eine Arbeitsgruppe World Cafe gegründet, in der auch Eltern mitarbeiten. Auch ging es um die Verschönerung der Mensa und um die Vermeidung von Wartezeiten bei der Essensausgabe.


Was sagt die Wissenschaft?

Wolfgang Schneider, Entwicklungspsychologe: Die Schüler stellen etwa fest, dass sie mit ihrem hohen IQ nicht alleine dastehen. Sie haben in der Klasse nicht automatisch die Streberrolle, sondern nehmen wahr, dass andere auch extrem schlau und leistungsstark sind. Bei einigen mag diese Erfahrung das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zunächst schmälern. Es kann aber auch entlastend wirken, nicht immer diesen Sonderstatus zu haben. [SPIEGEL online ]


Ist es eigentlich sinnvoll, Schnelllerner zu fördern? Die sind doch schnell genug.

Müller: Ich sehe den Sinn nicht darin, dass sie noch schneller lernen, sondern darin, dass sie mehr Futter für ihre Begabung bekommen, wo sie sich im normalen Unterricht bei Übungen und Wiederholungen schnell langweilen.


LANGSAM LERNENDE

Wie werden denn an unserer Schule langsam Lernende gefördert?

Barbara Lakmes (Lehrerin und als Inklusionsbeauftragte vielfältig im Bereich soziales Lernen engagiert): Da gibt es drei Möglichkeiten:
  • Schüler helfen Schülern (Nachhilfe)
  • Förderunterricht in den Hauptfächern, der nachmittags stattfindet
  • und - ganz neu – die LRS-Gruppe (Lese-Rechtschreib-Schwäche)
    Die LRS-Gruppe ist als temporäre Lerngruppe organisiert wie die Hochbegabtengruppe.


Haben wir am Hans-Carossa-Gymnasium auch Schüler*innen mit Behinderungen? Und erfahren diese eine besondere Zuwendung?

Lakmes: Wie haben hier keine schweren Fällen. Wir haben keine Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen oder mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Für andere Behinderungen im Bereich Sehen, Hören, Autismus gibt es bei uns vielfältige helfende und ausgleichende Maßnahmen.


DAS HCG – EIN INKLUSIVES GYMNASIUM?

Gibt es Vorstellungen, die inklusive Arbeit an der Schule auszuweiten, das inklusive Bewusstsein unter den Kolleg*innen, Eltern und Schüler*innen und weiter zu fördern?

Lakmes: Ja, gibt es. Im Januar hat sich ein ganzer Studientag des Kollegiums diesem Thema gewidmet. Er diente der Sensibilisierung und der Weiter-Entwicklung des inklusiven pädagogischen Bewusstseins.

Für jede Klasse gibt es im Lehrerzimmer eine Akte, in der aufgeführt ist, welches Kind welche Behinderung hat. Am Ende des Schuljahres gibt es bei Lehrerwechsel eine Übergabe-Konferenzen, wo die neuen Lehrer*innen darüber informiert werden, welche Bedarfe in der Klasse vorhanden sind.


Vielfältige individuelle Förderung


Schulleiter Henning Rußbült:
Wir sehen uns als inklusives Gymnasium. Ziel der Lehre an unserer Schule ist es, den Schülerinnen und Schülern mit Handicap, festgestelltem Integrationsstatus wie auch solche mit besonderer Begabung über individuelle Förderung das Lernen auf hohem Niveau zu ermöglichen.

Im Schuljahr 2016/2017 wurden eine Inklusionsbeauftragte sowie ein Hochbegabtenbeauftragter benannt, die gemeinsam in Arbeitsgruppen die inklusive Entwicklung in Zusammenarbeit mit dem Kollegium, den Eltern und den Lernenden an unserer Schule vorantreiben. Drei Sozialpäddagoginnen unterstützen seit zwei Jahren unsere inklusiven Akktivitäten.

Lakmes: Wir haben den Bereich Inklusion in einem Jahr hochgezogen. Wir haben eine Bestandsaufnahme gemacht, welche Schüler eine Beeinträchtigung haben.
Wir können – nach einer entsprechenden Weiterbildung – LRS-Tests (Lese-Rechtschreibschwäche) hier im Haus vornehmen; die Schüler müssen dazu nicht mehr irgendwohin fahren. Schüler mit einer LRS erhalten einen Nachteilsausgleich bei Tests und Klassenarbeiten.

Müller: Wir haben regelmäßige Treffen mit dem SIBUZ, dem Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum Spandau, bei denen wir eine professionelle psychologische Beratung für unsere Arbeit erhalten.

Neben der Förderung im Bereich der Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und der allgemeinen Förderung und Unterstützung von Unterrichtsfächern bieten wir auch die Lerngruppe für Besondere Begabungen (LBB) an.




INKLUSION als PROZESS


Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: Für das Gelingen inklusiven Unterrichts sind tiefgreifende Veränderungsprozesse notwendig. Das heißt, Haltungen, Strukturen und Praktiken, die die Verschiedenartigkeit der Schülerschaft einbeziehen, müssen entwickelt werden, um allen Schülerinnen und Schülern die volle Teilhabe an Bildung zu ermöglichen. [Zitatstelle]

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Interview und Zusammenstellung: Manfred Heun (April 2018)
Foto oben: Friedrich-Ebert-Stiftung Foto unten: Caritas