Muss Ordnung sein?

"Ordnung muss sein", sagen wir, aber ist Ordnung wirklich unbedingt notwendig? Wenn ja, wieviel Ordnung braucht der Mensch, und vor allem, welche Ordnung ist es, die wir für unverzichtbar erachten? Lässt sich unser Ordnungsbedarf überhaupt allgemeingültig ermitteln? Solche Fragen stellen Schülerinnen und Schüler des Grundkurses Philosophie in den folgenden Essays. Schreib deinen eigenen Essay zu diesem oder einem anderen philosophischen Thema und schick ihn an: Muellermozart@hcog.de

Ordnung muss sein! Muss Ordnung sein?

Philosophische Essays

 

Ordnung im Chaos

 Ist Ordnung sogar noch die Bedingung für die Erkennbarkeit des Chaos? Gibt es die totale Unordnung überhaupt?

 

Esther Willma: Aus Ordnung wächst Existenz

"Ordnung ist das halbe Leben", sagt ein altes Sprichwort. Ein Staat, in dem keine Ordnung herrschen würde, wäre unserer Meinung nach ein schlechter Staat. Aber warum ist Ordnung denn so wichtig?

In fast jeder politischen oder sozialen Form existiert Ordnung. Ein Ausbleiben letzterer hieße Anarchie, die von Anomie wohl zu unterscheiden ist, in der eine schwache Ordnung noch vorausgesetzt ist.

Staatliche Ordnung heißt nicht nur, dass es eine herrschende politische Kraft gibt, sondern auch eine Gesetzgebung, sowie Moral, bzw. Ethik. Es ist schwierig, einen Zustand zu erschaffen, der keiner Ordnung folgt. Und mit Ordnung verbunden sind Regeln, das heißt Verbote und Rechte.

Ordnung zu schaffen, fällt nicht leicht, aber Ordnung zu halten ist schwieriger. Gäbe es allerdings gar keine Ordnung, sähe das Leben der Menschen seltsam aus. Es gäbe keine Religion, keine Politik, keine Wirtschaft, kein einheitliches Zahlungssystem, keine offizielle Sprache, keine Schulpflicht und vieles mehr.

Der Soziologe Emile Durkheim, der den Begriff der Anomie aus den Schriften des Philosophen und Dichters Jean M. Guyau entlehnt hat, vermutet, dass die fehlende Ordnung beim Individuum nach einiger Zeit zu Angstzuständen führen würde, die letztlich im "anomischen Suizid" ende.

Um genau zu sein, könnte bzw. dürfte der Mensch gar nicht existieren, da bereits das Leben und seine Entstehung einer Ordnung unterworfen ist (s. etwa die Chromosomenanzahl etc.). Insofern ist es unmöglich, die Ordnung vollkommen aus dem Leben auszuschließen.

Ordnung regelt, Ordnung gibt Sicherheit, aus Ordnung wächst Existenz.

 

Jana Winkler: Ordnung ist die Grundlage von Allem

Etwas in eine Reihenfolge bringen, alphabetisch auflisten oder sorgfältig wegräumen sind Dinge, die wir unter Ordnung verstehen. Sie gibt uns das Gefühl, Übersicht zu haben und Kontrolle. Aber Ordnung ist nicht eine menschliche Eigenschaft, sondern etwas ganz Natürliches, die Grundlage von Allem. Schon Moleküle haben eine feste Anordnung: ein Wasserstoffatom und zwei Sauerstoffatome ergeben H2O, Wasser, und jedes Tier, jeder Mensch braucht Wasser. Wenn sich Moleküle immer anders zusammensetzen würden, so wie eine Lotterie immer andere Glückszahlen zutage fördert, könnte es wohl kein Leben geben.

Ein Wald erscheint als Chaos, wenn man ihn betritt, aber es ist ein "durchdachtes" Ökosystem, das einfach nur so komplex ist, dass dem Betrachter die Ordnung nicht gleich auffällt. Der Ameisenhaufen ist aufgeteilt in verschiedene Kammern, und jede Ameise hat ihre Rolle. Tiere reihen sich ein in Nahrungsketten, und die Pflanzen verhalten sich gemäß den Jahreszeiten. Überall, wo man sich in der natur umsieht, kann man eben eine derartige Ordnung erkennen.

Aber was hat ein aufgeräumtes Zimmer oder ein gut funktionierendes Sicherheitssystem damit zu tun? Es ist eigentlich das Gleiche: ein einzelner Mensch hält seine Umgebung ordentlich, um Übersicht über seinen Besitz zu behalten und seine Umgebung kontrollieren zu können. Ordnung schützt vor Ungeziefer und Krankheiten, daher halten wir sie für wichtig. Und deswegen erscheint ein ordentliches Zimmer viel angenehmer als ein unordentliches.

Das Gleiche gilt für ein Land: um Ordnung zu bewahren, gibt es Sicherheitsdienste, Gesetze und soziale Verpflichtungen, die die Einwohner beachten müssen, damit sich nicht in den unkontrollierten Ecken Verbrechen und Ungeziefer ansammeln.

So strebt die Natur und die Menschheit nach Ordnung, sofern diese Sicherheit gewährleistet und Planung möglich macht. Die Menschen arbeiten für ihre Rente, die Tiere bereiten sich auf den Winter vor. Wenn die Welt im Chaos versinken würde, wären wir dem Willkürlichen ausgeliefert. Daher suchen wir die Ordnung im Großen wie im Kleinen, damit wir nirgendwo die Übersicht verlieren.

 

Lea Herbst: Jeder muss seine eigene Ordnung finden

Oft wird gesagt, Ordnung sei das halbe Leben, doch muss Ordnung wirklich sein? Und in welcher Hinsicht ist Ordnung wichtig?

Ich denke, dass ohne ein Mindestmaß an Ordnung im Leben viel Zeit verloren ginge, in der wir tun, was uns entspannt und gut tut. Wenn wir dafür keinen Raum haben, fehlt uns Zeit, um Ordnung in unseren Köpfen zu schaffen. Wir geraten durcheinander, das Leben in der Gemeinschaft wird schwerer, da wir im Meer unserer Gedanken versinken.

Doch es gibt auch gutes oder kreatives Chaos, zum Beispiel Menschen, die ein System in ihr gesundes Chaos bringen. Ihr eigenes System, das für Andere zunächst nicht zu erkennen ist, aber dennoch Orientierung verschafft, Muster, die das Leben erleichtern. Ordnung ist eben ein Wort, das verschieden interpretierbar werden kann. Aber jede Ordnung verkörpert etwas Systematisches.

Wenn eine bestimmte Ordnung in dem Sinne sein müsste, das sie eine Pflicht wäre, würden alle Menschen auf eine Lebensform festgelegt und unfrei sein. Daher müsste man das Sprichwort wie folgt abwandeln: Ordnung muss sein, aber jeder muss sie für sich selbst finden. Viele streben nach Ordnung, um zu erkennen, wo ihr Platz im Leben ist, oft, um Teil einer Harmonie zu sein. Dieser sehr tiefe Begriff der Ordnung findet sich vor allem bei religiösen Menschen, die ihre Seele mit Gott in Einklang bringen wollen und dafür ein strenges Geordnetsein von Leib und Seele benötigen. Für jeden Einzelnen hat die Ordnung daher einen anderen Stellenwert.

Ordnung ist also sehr wichtig, jedoch nur im richtigen Maße.

 

 

Sarah Neuhahn: Was, wie, warum und woher ist Ordnung?

 

Ordnung muss sein (?!), so lautet das Sprichwort. Doch worauf bezieht es sich? Welche Ordnung ist gemeint? Und wer definiert Ordnung eigentlich?

Bezieht sich das Sprichwort etwa auf die Ordnung in einem Staat, also eine bestimmte Hierarchie? Und wenn ja, was gibt es dann vor? Etwa, dass es ein Oberhaupt geben muss, das Ordnung schafft? Oder würde die Ordnung auch durch eine Gruppe realisierbar werden? Aber könnte eine Gruppe nur dann Ordnung schaffen, wenn sie selber geordnet ist? Ist Ordnung also ein grundlegender Bestandteil eines Staates und unseres Denken? Und muss diese Gruppe eine ebenso absolute Gewalt haben wie das Oberhaupt? Oder ist Ordnung auch in einer Regierung der Vielen möglich? Und welche Ordnung ist überhaupt das Ziel dieser Personen? Bestimmte Gesetze? Eine Verfassung? Bestimmte Berufe und Ämter? Ist das dann politische Ordnung? Und ist sie so konzipiert, dass sie auch eingehalten werden will? Oder entsteht durch eine vorgeschriebene Ordnung Zwang?

Zum Beispiel, wenn unsere Eltern uns auffordern unser Zimmer aufzuräumen. Sind wir dann verpflichtet, dies zu tun? Oder haben wir bloß keine Lust auf Streit? Fühlen wir uns gezwungen, oder dient die Aufforderung nur als Denkanstoß, der uns Handlungen ausführen lässt, die wir sowieso irgendwann hätten machen müssen oder gemacht hätten?

Bezieht sich Ordnung dann etwa schon wieder auf materielle Dinge? Also etwas wie: „Meine Bücher stehen geordnet in meinem Regal!“? Aber was ist dann das Geordnete? Dass sie alle nebeneinander stehen? Dass sie nach Größe sortiert sind? Oder dem Anfangsbuchstaben? Oder dem Autoren?

Und wer sagt mir, dass das wiederum ordentlich ist? Was ist, wenn ich eine komplett andere Auffassung von Ordnung habe, als meine Mitmenschen und somit als unordentlich gelte? Reicht es aus, wenn ich weiß, wo sich etwas befindet oder muss es auch für andere ersichtlich sein? Und ist der, der Ordnung schafft, wirklich nur zu faul zum Suchen? Ist Ordnung etwa eine Art von Faulheit? Und wäre Unordnung dies nicht ebenso? Beim Ersten überwiegt die Unannehmlichkeit des Suchens und beim Zweiten die des Aufräumens.

Seit wann gibt es eigentlich die Ordnung für uns Menschen? Entstand sie erst in der Antike? Also am Anfang der uns bekannten Geschichtsschreibung? Und hat sie somit ihre Wurzeln wirklich in der Politik? Oder hatten schon die Neandertaler eine Ordnung? Sowohl die der Politik als auch die der materiellen Dinge?

Ist Ordnung eigentlich allein durch uns Menschen definiert oder auch durch Tiere? Bezeichnen wir die Hierarchie einer Herde nicht als Rangordnung? Und gibt es nicht eine Ordnung in den wirren Gängen der Maulwürfe? Und vielleicht auch eine uns unklare in dem Verstecken von Nahrung der Eichhörnchen zum Winteranbruch?

Oder ist Ordnung vielleicht gar nicht nur eine Eigenschaft der Menschheit, der Tiere, der Erde sondern die unseres Weltraums und unseres Planetensystems? Hat dort nicht jeder Planet, jeder Stern seinen festen Platz? Ist es also nur eine Kraft, die auf uns wirkt? Wird die Ordnung uns vielleicht von einer höheren Instanz (nicht Gott) aufgelastet?

Oder versuchen wir nur, die uns als Menschen unerklärlichen Dinge mit der Ordnung zu erklären? Bilden wir uns vielleicht nur ein, dass eine Ordnung herrschen müsste und zwingen diese dem Unerklärlichen auf, um ihm das Unheimliche und eben Unerklärliche zu nehmen?

Ist Ordnung für uns vielleicht ein zu abstrakter Begriff, den wir zwar täglich benutzen, aber doch nicht erklären können? Und warum muss Ordnung dann sein?

 


Sabrina Klein: Über materielle und psychische Ordnung

Spielt Ordnung tatsächlich eine zentrale Rolle in unserem Leben? Inwiefern hilft sie uns, inwiefern ist sie notwendig – oder brauchen wir sie eigentlich überhaupt nicht? Um die Frage nach der Bedeutung der Ordnung beantworten zu können, müssen wir uns erst einmal darüber im Klaren sein, was Ordnung für uns bedeutet und wo sie zu finden ist.

Ordnung bedeutet, dass bestimmte Dinge sich an ihrem „richtigen“ Platz befinden, ein Platz, den wir ihnen zuvor zugewiesen haben und an welchem wir sie wiederfinden würden. Die Dinge, um die es sich dabei handelt, können sehr vielfältig sein. Es kann sich um Materielles handeln, wie beispielsweise im Falle eines aufräumten Zimmers, oder aber um die Dinge der psychischen Dimension – denn nicht umsonst sprechen wir auch davon, „unsere Gedanken zu ordnen“.

 Zunächst beginne ich mit der materiellen Ordnung. In der Öffentlichkeit scheint diese eine entscheidende Bedeutung zu haben: Wann immer Menschen in unserer Gesellschaft einen guten Eindruck hinterlassen möchten, sind sie um Ordnung bemüht – sei es durch gebügelte, glatte Kleidung, gekämmte Haare oder aufgeräumte Einrichtungen. Und tatsächlich wird Ordnung von den Mitmenschen stets positiv wahrgenommen: Wir sehen, dass sich ein anderer Mensch um unserer Willen bemüht hat, damit uns das, was wir sehen, gefällt. Denn dass ein geordnetes, sauberes Zimmer zumeist eine einladendere Wirkung ausstrahlt als ein unordentliches, steht außer Frage. Dasselbe gilt für ein gepflegtes Äußeres. Doch in beiden Fällen gibt es Grenzen – zu viel Ordnung kann als unangenehm oder „spießig“ empfunden werden. In welchem Maß ist materielle Ordnung als Wohlfühlfaktor also angebracht? Ordnung sollte eine gemütliche Atmosphäre schaffen, um als positiv angesehen zu werden. Dies setzt voraus, dass zwar Ordnung vorhanden ist, jedoch nicht um ihrer selbst willen – also auf eine gewisse Weise „gezwungen“ – sondern um eben dieser Atmosphäre willen, die den Menschen zu mentaler Entspannung bewegt. Dieses Maß an Ordnung lässt sich nicht durch Zahlen oder Messwerte beschreiben, viel eher sollte jeder einzelne Mensch für sich entscheiden, mit wie viel Ordnung er sich am zufriedensten fühlt. So wird er am ehesten auch den Wohlfühlbereich seiner Mitmenschen abdecken, wenn das gewünschte Maß an Ordnung auch bei jeder Person individuell variiert.

Doch die materielle Ordnung besitzt weitere Vorzüge. Denn neben ihrer positiven Ausstrahlung erleichtert sie unseren Alltag durch ihre Übersichtlichkeit enorm und erspart uns kostbare Zeit, die wir ohne sie mit Suchen verbringen müssten. Ob die Ordnung deshalb tatsächlich  notwendig ist, hängt auch hier von jedem einzelnen Menschen ab; für so manchen stellt ständiges Suchen kein Problem dar, oder aber er besitzt die Gabe, seine Materialien auch ohne Ordnung wiederzufinden. Für diese Personen wird Ordnung von geringerer Priorität sein als für solche, denen ein Kurzzeitgedächtnis und Ungeduld Probleme bereiten.

Die genannten Aspekte stellen die hauptsächlichen Vorteile materieller Ordnung dar. Da jeder von ihnen allerdings letztendlich auf die subjektive Betrachtung zurückzuführen ist, lässt sich die Frage, ob diese Art der Ordnung „sein muss“, nicht allgemein beantworten. Stattdessen sollte jeder Mensch für sich selbst entscheiden, inwiefern er sein Leben durch Ordnung erleichtern oder verbessern möchte bzw. inwiefern ihm dies möglich ist.

 Psychische Ordnung hingegen ist auf einer anderen Ebene zu betrachten. Sie ist nur auf den einzelnen Menschen bezogen und für sinnvolle Gedankengänge zwingend notwendig, da keine Person ohne sinnvolle und geordnete Gedanken zu sinnvollen und geordneten Schlussfolgerungen kommen kann. Und ohne diese Schlussfolgerungen würde unser Leben nicht nur erschwert, sondern praktisch unmöglich. Denn wie soll ein Mensch, dem es nicht möglich ist, Entscheidungen zu treffen oder Entschlüsse zu fassen, fähig sein, irgendetwas zu tun?

Es steht somit bereits durch dieses einzige Argument außer Frage, dass psychische Ordnung einen sehr viel höheren Stellenwert als physische Ordnung besitzt. Aus diesem Grund sollten die beiden verschiedenen Arten der Ordnung immer getrennt voneinander betrachtet werden, um ein sinnvolles Ergebnis zu erreichen:

Während also zusammenfassend der Stellenwert materieller Ordnung subjektiv entschieden werden kann, sind geordnete Gedanken unersetzbar, d.h. objektiv notwendig.