Aus dem Unterricht


Theater im Klassenzimmer?
Ja, Klassenzimmertheater!

Lasst uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit.
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.

Aus dem Vorspiel des „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe


Auch die Klasse 8e ließ sich am 4. April vom Theaterspiel erquicken. Für das Stück „Zwischeneinander“ verwandelten der Schauspieler Roland Bonjour und die Schauspielerin Katharina Schenk vom Deutschen Theater Berlin das Klassenzimmer kurzerhand in ein Theater.

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Fotos: Arno Declair

Dabei wurde gespielt, was das Wort Zwischeneinander hergab: mal miteinander sprechend, mal gegeneinander streitend, dann wieder füreinander da seiend und aufeinander kuschelnd. Und das abwechselnd in der Realität, wo sie sich erst einmal vorsichtig an den jeweils anderen anzunähern versuchten, dann wieder ganz souverän zwischen WhatsApp, Twitter, Facebook, Instragram, Skype und Co.

Apropos Facebook: Eine der eindringlichsten Szenen war die, in welcher der Schauspieler im Schutzraum Theater die Grenze der Privatsphäre auslotete, indem er Schülerin Lena direkt ansprach:

Hey na. Schön, dass du da bist! Ich war gestern auf deinem Facebook-Account und habe mir deine Chronik angeguckt und bis zu deiner Geburt runtergescrollt. Und ich habe jedes Bild angeschaut und mir alle Kommentare durchgelesen. Und das alles nur, um jetzt hier stehen zu können und dir zu sagen: ich like dich richtig hart.“ (aus dem Stücktext)

Auch wenn ich nicht weiß, ob Lena überhaupt einen Facebook-Account besitzt, so wird doch überzeugend klar, wie unangenehm es sein kann, von einer fremden Person auf private Bilder angesprochen zu werden. Hier zum Glück nur ein Gedankenspiel, doch tatsächlich eine ernstzunehmende Botschaft, umsichtig mit privaten Fotos im Netz umzugehen.

Das Schaupielerpaar ließ sich auch nicht aus der Rolle bringen und nahm es mit Humor, als eine Gruppe von feiernden Abiturienten für eine Minute den Klassenraum übernahm.

 

 

Im anschließenden Nachgespräch konnte die Klasse ihre Eindrücke äußern. Die Darsteller waren so überzeugend ein Paar gewesen, dass Interesse bestand, ob sie denn auch im echten Leben zusammen seien. Doch dies gehört zur Kunst des Berufes, so authentische Gefühle füreinander verkörpern zu können.

Vieles war spannend und doch unklar geblieben, an einigen Stellen hakte das Schauspielerpaar ein und erläuterte ihre Körpersprache, so zum Beispiel das gemeinsame Kuscheln unter dem Pullover als Teil der realen Welt, das Schlüpfen durch die Ärmel des Pullovers aber bereits als Akt der Vernetzung in die virtuelle Welt.

Nicht nur die Schülerinnen und Schüler durften Fragen stellen, auch die Schauspieler nahmen das Stück zum Anlass, mit der Klasse über den Klassenchat und Youtube-Stars ins Gespräch zu kommen, oft prägende Bereiche in der Freizeit, die in der Schule sonst nur selten zur Sprache kommen.

Zu guter Letzt stellte der Schauspieler heraus, dass es nicht um ein Gesamtverständnis und die Auflösung aller szenischen Darstellungen geht, sondern um Gedankenanstöße und auch einfach Unterhaltung. Dazu darf jeder seine eigenen Assoziationen und Erinnerungen haben. Und diese werden uns ganz sicher bleiben – und hoffentlich die Lust auf mehr Theater!

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Text und Klassenzimmerfoto: K. Hasdorf