3. Brief aus Ghana
GHANA, Cape Coast
August 2010
Großfamilien in Ghana
[Dies ist Tonias 3. Brief aus Ghana. Tonia ist HCO-Abitur-Jahrgang 2009.]
In meiner Gast-Familie hier in Cape Coast gibt es fünf Kinder. Das ist zurzeit noch Durchschnitt der Familiengröße in Ghana.
Meine Gastschwester wohnt bei mir mit im Zimmer. Mein Gastbruder hat sein eigenes Zimmer, weil er der Zweitälteste ist. Die drittälteste Gastschwester wohnt mit ihrer Mutter in einem Zimmer. Die Älteste hat schon drei eigene Kinder und hat mit ihrem Mann ein eigenes Zimmer. Der Jüngste ist Kweku. Wenn er vom Internat kommt, wohnt er mit dem zweitältesten Sohn zusammen.
Eine Kernfamilie in einem Haus. Großfamilien in Ghana sind ganz normal, was man von Deutschland ja nicht mehr behaupten kann. Die meisten meiner Generation haben mindestens fünf Geschwister. Vorteile und Nachteile? Ich würde sagen, einerseits kann man überall Unterstützung erhalten, wenn man freundliche Verwandten hat, die einem in schwierigen Situationen, meist finanzielle, aushelfen können. Außerdem ist man einfach nie allein. Das kann auch schön sein. Andererseits muss man alles teilen. Man hat kaum was für sich allein.
Eigentlich zählen mir die meisten, die ich nach der Anzahl ihrer Geschwister frage, mehr auf als fünf. Es ist keineswegs erstaunlich sieben, acht oder zehn Geschwister zu haben. Eine Ansicht ist, dass die große Anzahl von Kindern damit zu hat, dass die Leute von früher mehr Arbeitskräften besaßen, je mehr Kinder sie hatten. Diese Tradition ist heute noch geblieben. Jedenfalls bis vor einigen Jahren.
Schulkinder
Heutzutage kosten Kinder eher Geld, da sie zur Schule gehen und nicht arbeiten sollen. In Ghana ist Kinderarbeit aber ganz normal. Das ist sicher nicht gut, aber der Hintergrund sind starke finanzielle Problemen.
Mein Freund hat fünf Geschwister. Seine Vater jedoch hatte dreizehn. Sein Vater ist ein Fantse und stammt aus Cape Coast. Das heißt, mein Freund ist mit der halben Stadt verwandt, denn natürlich haben seine Onkel und Tanten auch traditionellerweise viele Kinder bekommen. Nun hat mein Freund mindestens 130 Cousinen und Cousins, da seine Mutter auch zehn Geschwister hat.
Die Vorstellung beeindruckt mich immer wieder, da ich dagegen mit meinem einzigen Cousin und einer Cousine wirklich niedlich gegen wirke.
Und er kennt nicht mal alle seine. Das führt des öfteren dazu, dass sich zwei Verwandte verlieben, ohne dass sie wissen, aus einer Familie zu kommen. Wenn sie dann doch nach Hause kommen, wird ihnen erklärt, aus einer Familie zu stammen und die Hochzeit muss gestrichen werden.
Meine Freundin aus Cote d'Ivoire hat auch zehn Geschwister, jedoch hat ihr Vater zwei Frauen. Jeanne d'Arcs Mutter, die erste Frau, hat sich jedoch von ihrem Mann getrennt, da sie diese Art von Ehe nicht mochte.
Meine älteste Gastschwester hat jedoch nur noch eine Tochter, 11 Jahre, und zwei Söhne, 8 und 4 Jahre. Ein anderer Bekannter will auch nicht mehr als seine drei Kinder. Bei den gebildeten Schichten sehe ich, dass zu viele Kinder nicht mehr erwünscht sind. Sie wollen ihren Kindern die beste Zukunft geben und wenn die finanziellen Mittel eben nur für drei Kinder reichen, bekommt man auch nur drei Kinder.
Die Großfamilie in Ghana von heute hat allem in allem traditionelle Hintergründe, aber hängt auch damit zusammen, dass die Aufklärung über Verhütung nicht besonders ausgeprägt ist, da Ghana finanziell nicht die Möglichkeiten für bessere Bildungsstätten oder Krankenhäuser hat.
Allgemein fehlt es fast überall an etwas. In den Unis, den Schulen, den Krankenhäusern, den Gehältern, der Wirtschaft...
Ich persönlich habe bislang immer eine größere Familie bevorzugt, weil ich nur eine kleine habe. Jedoch habe ich durch meine Erfahrung in einer Großfamilie in Ghana ein größeres Bewusstsein für die Vorteile einer kleinen Familie erlangt. Dafür bin ich sehr dankbar.
Eure Tonia
Abiturientin HCO 2009
tonia_druba@web.de
PS: Einen Eindruck von der ghanaischen Jugend vermittelt ein Interview, das auf den Punkt kommt.

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