Japan
Luise von Garnier
Japanische Teezeremonie
Im Schuljahr 2005/2006 verbrachte ich 10 Monate in Japan, besuchte dort die Oberschule (in Schuluniform!) und wohnte in der Zeit bei drei Gastfamilien. Insgesamt hatte ich ein tolles Jahr. Ich habe viel gesehen, viel erfahren und viel gelernt – über Japan, aber auch über mich selbst.
Natürlich gab es auch Tage und Wochen in denen ich mich nicht wohl gefühlt habe. Irgendwann holt einen das Heimweh immer ein. Aber was mir in Japan darüber hinweggeholfen hat, waren die AGs an meiner Schule (die sind Pflicht für jeden Schüler!), besonders die Teezeremonie-AG.
Japanische Süßigkeiten, die die Gäste während der Teezeremonie essen. Sie sind vom Design immer der Jahreszeit oder dem Event angepasst und sehen immer ganz toll aus... und sind lecker!
Zweimal die Woche ging ich nach dem Unterricht (also gegen 16 Uhr) in den zweiten Stock des Schulgebäudes, ganz am Ende des Flurs. Dort trat man durch die typisch japanischen Schiebetüren (shôji) und befand sich plötzlich in einem traditionellen japanischen, also mit Reisstrohmatten (tatami) ausgelegtem, Zimmer – mitten in der Schule. Man hockt sich dann im typischen Seiza-Sitz vor die Teemeisterin, legt einen besonderen Fächer ungefähr eine Hand und zwei Finger breit vor sich hin, verbeugt sich und dankt für die Gelegenheit unterrichtet zu werden.
Das war jedes Mal, als würde man in eine andere Welt abtauchen. Die Tatami haben einen ganz eigenen Geruch, der mittlerweile für mich so typisch japanisch ist, dass ich mir nach meiner Rückkehr erst einmal welche gekauft habe.
Wer sich jetzt vorstellt, dass es sich bei der Teezeremonie einfach darum handelt, einen Teebeutel in eine Tasse zu packen und Wasser drauf zu gießen, der täuscht sich gewaltig. Die Teezeremonie ist eine stark regulierte, traditionelle Art und Weise Tee zu zubereiten. Jeder einzelne Schritt, jede Handbewegung, jede Position der Gerätschaften ist genau festgelegt. Was die eigentliche Handlung angeht, lässt es sich darauf reduzieren, dass man die Gerätschaften (Teeschalen, Schöpflöffel, Teedose, Bambusteelöffel, Abwasserschale, Wasserkrug, Lappen,…) an den Platz bringt, dort die Utensilien sauber macht, den Tee zubereitet, indem man das grüne Matcha-Teepulver mit einer Art Bambuspinsel schlägt, den Gästen anbietet, hinterher sauber macht und alles wieder rausbringt. Aber das alleine trifft es natürlich nicht. Eine Teezeremonie ist eine vollendete Kunst, die – wie alle japanischen Künste – dazu dienen soll, den Geist zu beruhigen und zu innerem Frieden zu gelangen.
Die Gegenstände, die man benutzt sind häufig lang gehütete Erbstücke und von berühmten Töpfermeistern angefertigt und besitzen so nicht nur einen hohen Geldwert sondern auch hohen ideellen Wert. Bei einem Ochakai, einer Teeversammlung, hielt ich einmal eine solch wertvolle und alte Teeschale in der Hand. Ich glaube, ihr könnt euch gar nicht vorstellen was für ein ehrfürchtiges Gefühl das ist, wenn man die ganze Zeit Angst hat, dieses hauchdünne Porzellan zu zerbrechen und gleichzeitig eine große Freude fühlt, weil man meint regelrecht die Luft anderer Jahrhunderte riechen zu können.
Ich weiß, dass hört sich jetzt für Euch total blöd und esoterisch an, aber für mich war - und ist - die Teezeremonie etwas ganz Besonderes. Dass man in solch eine einfache Handlung so viel Theorie, so viel Ehrgeiz, so viel Demut und so viel Eleganz packen kann, fasziniert mich immer wieder.
Ein letztes Gruppenbild vor dem Rückflug ... das V-Peace-Zeichen machen Japaner immer!
Aber diese Art aus den einfachsten Dingen die kompliziertesten der Welt zu machen - das haben die Japaner echt drauf. Die ganzen Verhaltens- und Höflichkeitsregeln machen einem das Leben schon ganz schön schwer - auch wenn man ja als ausländische Gastschülerin immer einen Bonus hat. Insofern hat mir die Teezeremonie auch geholfen die Natur der Japaner zu verstehen.
Das war jetzt nur einer der vielen Aspekte meines Aufenthaltes in Japan, aber ein für mich sehr wichtiger.
Luise war mit der Organisation AYUSA in Japan.

