21.5.2012

Besuch aus Wolgograd

Besuch aus Wolgograd

Die russische Deutsch-Lehrerin Olga Sokolova

 

Als ich ins Lehrerzimmer komme, sitzt Frau Sokolova am Pressetisch, in die Beilage der Berliner Zeitung vertieft. Sie ist Russin, Deutsch-Lehrerin in Wolgograd und nun seit 3 Wochen Gast an der HCO.

 

OLga in Zeitung verteift

Olga S. mit Presselandschaft im Lehrerzimmer

 

Wir sind zu einem Interview verabredet. Es gehe ihr gut, sehr gut sogar, sagt sie. Heimweh habe sie nicht. Kein Heimweh nach Wolgograd, der russischen Stadt an der Wolga, wo sie am "Gymnasium Nr. 1" Deutsch unterrichtet, 23 Stunden pro Woche. Ihre Schüler sind zwischen 10 und 17 Jahre alt. Die russischen Schüler lernen ab der 2. Klasse eine Fremdsprache, 50 % Deutsch, 50 % Englisch.

 

Warum sie uns besuche, möchte ich wissen. Die 3 Wochen an der HCO seien ein Teil ihrer Fortbildung als Lehrerin. Sie hospitiere in Unterrichtsstunden und tausche Erfahrungen mit den Kolleginnen und Kollegen der HCO aus; mit großem Erfolg, wie sie meint. Sie wohnt bei ihrer HCO-Kollegin Frau Heller.

 Olga Sokolova

 

Olga Sokolova bewundert Berlin: die Museumsinsel, besonders das Pergamon-Museum, die Gedächtniskirche und die Berliner Architektur insgesamt. Letzteres bekräftigt sie noch einmal.

 

Wolgograd sei nicht mit Berlin vergleichbar: "eine Provinzstadt mit 1 Million Einwohnern. Die Stadt liegt 1.075 km südöstlich von Moskau am rechten Ufer der Wolga, rund 400 km nördlich der Mündung des Flusses ins  Kaspische Meer.

 

Russland-Karte

 

Wolgograd hieß von 1925 bis 1961 Stalingrad. Während des 2. Weltkrieges wurde die russische Stadt von deutschen Truppen belagert und im Verlaufe der Schlacht um Stalingrad (1942/43) völlig zerstört.

Mein Onkel Ernst war einer der deutschen Soldaten. Er ist in Stalingrad gefallen. Heute sitze ich einer Stalingraderin gegenüber und Russland hat in dieser Woche das Angebot der Nato-Länder angenommen,  bei der neuen Raketenabwehr in Europa zusammenzuarbeiten. Geschichte.

In Wolgograd gebe es kein Stalin-Denkmal, fügt sie an. Geschichte.


Welchen Eindruck sie von unserer Schule mitnehme, so frage ich. Sie ist von der Disziplin an unserer Schule beeindruckt. Und von der Organisation: "Alles läuft gut." Die Ausstattung der Fächer Biologie und Chemie sei an der HCO besser als am Gymnasium Nr. 1.

Im Lerneifer würden sich die Schüler der beiden Schulen nicht unterscheiden. "Wir sind auch motiviert."  Aber die deutschen Schüler seien etwas gebildeter in Literatur und Geschichte, "tiefer", gesteht sie gerne zu.

 

Ich bitte sie, weiter zu vergleichen. Ja, die deutschen Schüler seien optimistischer; russische Jugendliche würden sich etwas mehr Sorgen machen, um die "Zukunft, Arbeit, Job".

 

In Kleidung und modischem Geschmack seien sich die jungen Konsumenten ähnlich: ORSAY, PIMKIE und NEW YORKER - diese Läden gebe es auch in Wolgograd, ebenso wie REAL, REWE und METRO. - Olga selbst trägt eine weiße Stoffblume im Haar.

 

Stoffblume

 

Wer mehr Seele habe, frage ich, einem vertrauten Klischee folgend. Die spontane Antwort: "Uch!" - Und auf Nachfrage: "Na, vielleicht die Russen."

 

Nach 3 Wochen Berlin und HCO fährt Olga Sokolova wieder nach Wolgograd. Ob sie sich darauf freue, frage ich zum Schluss. "Ja", lächelt sie, "Heimat ist doch Heimat." Im Gepäck hat sie Weihnachtssüßigkeiten aus Deutschland, "die sind anders."

 

Text/Fotos: Heun

 

 

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