Filmkritik
Plug & Pray
Wenn Forscher Gott spielen
Trailer sind Werbung.
Was meint unser Film-Kritiker Robin Hörsch (Q3) zu dem Film?
Plug & Pray ist ein Dokumentarfilm, der weder die Forschung in der Künstlichen Intelligenz noch das Leben des verstorbenen Protagonisten „Joe“ Joseph Weizenbaum in den Vordergrund stellt. Vielmehr geht es um moralische Werte beim Bau von menschlichen Robotern. Der Film eröffnet einen Dialog zwischen Forschern und Denkern verschiedener Herkunft, die sehr gegensätzliche Standpunkte vertreten und sich zum Teil niemals persönlich begegnet sind.
Gezeigt werden die einzelnen Entwickler zusammen mit ihren Projekten: Da wären zum einen der US-Amerikaner Ray Kurzweil, welcher durch seine Vorstellung der Überwindung des Tods durch Ersetzung der „suboptimalen“ roten Blutkörperchen durch Nanoroboter den Zuschauer verblüfft. Bis zur Entwicklung dieser Technologie vertraut er auf lebensverlängernde Nahrungsergänzungsmittel mit Schoko -, Vanille - oder Beerengeschmack.
„Ungefähr in 20 Jahren werden Computer intelligent sein
wie Menschen. Wir werden mit dieser Technologie verschmelzen. Wir werden
millionenfach klüger sein als heute.“
Die Wissenschaftler verbindet die Idee, Maschinen den Menschen ähnlicher zu machen, wobei die Ziele differieren: Das Projekt „iCub“ beschäftigt sich mit dem Lernprozess eines Roboters anhand von Interaktion mit der Umwelt. Zur Verfügung steht dabei ein Roboter in Gestalt eines Dreijährigen.
Im Gegensatz dazu steht der Japaner Hiroshi Ishiguro, der den Schwerpunkt auf das äußere Erscheinungsbild seines Roboters „Geminoid“ legt anstatt auf die inneren Vorgänge. Mit Silikonhaut und Haaren erhält er Züge realer Personen, gesteuert von einer Person im Nebenraum durch Marker, die sogar die kleinsten Bewegungen wahrnehmen.
All dem gegenüber steht die zentrale Figur des Films, Joseph Weizenbaum, der weder ein aktives Projekt noch ein vorzeigbares Produkt besitzt. In seiner Wohnung in Berlin erhält der Zuschauer Einblick in die Welt eines Genies, das seine Mitstreiter scharf kritisiert und deren Größenwahn verabscheut. Der im Jahr 2008 verstorbene Informatik-Pionier, Entwickler des Systems „Eliza“ und Kritiker der Informatik, insbesondere der Forschung zur Künstlichen Intelligenz, erhält durch seine Darstellung als Veteran einen menschlichen, emotionalen Anstrich.
Im Film übernimmt er die Rolle des Kommentators und spricht Zweifel aus, während die andern, fixiert auf ihr „Meisterwerk“, versuchen die Barriere zwischen Mensch und Maschine zu überwinden.
In den Pionierzeiten habe man den Computern nur Aufgaben gegeben, die man sehr genau verstand, erklärt Weizenbaum. Inzwischen sei das umgekehrt: „Wenn wir eine Aufgabe nicht verstehen, dann geben wir das dem Computer, der soll das mit Künstlicher Intelligenz lösen.“ Die Gefahr dabei: „In fast allen Gebieten gilt – wenn der Computer einmal eingesetzt wird, kann man das nicht mehr rückgängig machen, bei der Bank zum Beispiel. Und dann entdecken wir, dass dieses Programm etwas macht, das wir erstens nicht verstehen und zweitens nicht wollen – wo sind wir dann?“
Viele Dinge, die Weizenbaum im Film äußert, klingen trivial und schlicht, bieten aber eine große Plattform zum Nachdenken und Verstehen der Gedankengänge des „alten Manns“. Oft ist er emotional und persönlich und gewinnt die Sympathie des Zuschauers, etwa wenn er sich über den Kabelverhau unter seinem Schreibtisch ereifert oder mit Windows kämpft.
Aus dem Zusammenspiel von intellektuellen Forschern auf der einen Seite und dem weisen Weizenbaum als Kritiker auf der anderen Seite macht der Regisseur Jens Schanze einen besonderen, interessanten und emotionalen Dokumentarfilm, aufgefrischt durch beiläufig eingefangene Szenen, wie die in Kurzweils veralteten Büro zur Schau gestellten Medaillen und Erinnerungsfotos mit bedeutenden Personen oder das Auspacken des „iCub“, der in einer Kiste liegt – die Noppenfolie obendrauf erinnert an das Grabtuch Christi.
Robin Hörsch, Informatik-Grundkurs (Q3)
PS: Wir haben den Film im Rahmen einer Exkursion des Grundkurses Informatik (Dr. Rüßmann) unter dem Thema „Informatik und Gesellschaft“ gesehen.
meint: sehenswert
DVD
erhältlich ab Frühsommer 2011
Im Fernsehen
voraussichtlich Winter 2011/2012 im Bayerischen Fernsehen

