Margot Friedländer
Eine Zeitzeugin und ihr Vermächtnis
Margot Friedländers besonderer Geschichtsunterricht
Die kleine, zerbrechliche Person, die fast in dem großen Korbstuhl in der Aula des HCOG versinkt, zieht das junge Publikum in ihren Bann. Kein Laut, kein Räuspern, kein Husten. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Margot Friedländer liest aus ihrem preisgekrönten Buch „Versuche, dein Leben zu machen“.
Mit leiser, fast sanfter Stimme berichtet sie von dem Ungeheuerlichen in ihrem Leben in Deutschland während der Naziherrschaft. Das, was die Schüler und Schülerinnen der 10 b und 10 d da zu hören bekommen, macht sie sprachlos. Margot Friedländer ist heute 89 Jahre alt, eine Holocaust-Überlebende, die ihre Familie 1943 in Auschwitz verloren hat und selbst nach Theresienstadt deportiert wurde, nachdem sie nach der Verhaftung ihrer Mutter und ihres Bruders zunächst im Untergrund gelebt hatte.
Der Titel ihrer Biographie „Versuche Dein Leben zu machen“, war die Nachricht, die ihre Mutter Guschi Groß ihrer Tochter bei der Verhaftung noch durch eine Nachbarin übermitteln konnte. Diese Nachricht, „kalt, unpersönlich und gar nicht nach meiner Mutter klingend“, war für sie zunächst „ein Schock. Ich habe gar nicht verstanden, was meine Mutter mir sagen wollte. Und warum sie mich zurückgelassen hat und nur meinen Bruder mitgenommen hat.“ Erst nach mehrmaligen Lesen habe sie verstanden, dass ihre Mutter ihr damit als Vermächtnis aufgab: zu überleben.
Wie sie überlebte, wie sie dann doch der Gestapo in die Hände fiel, wie das Leben im Konzentrationslager Theresienstadt ablief und welcher Popanz dort aufgeführt wurde, wenn sich „im Vorzeigelager“ internationale Besucher angekündigt hatten, schildert sie dann in knapp einer Stunde. Ja sicher - routiniert, eloquent, aber an vielen Stellen merkt man, wie schwer es ihr nach so langer Zeit immer noch fällt, darüber zu sprechen, und dass manches für immer unausgesprochen bleiben wird. Die Zuhörer schlucken, als sie den Tag der Befreiung durch die Russen beschreibt, als würde es gerade jetzt passieren: „Das Tor steht offen, aber niemand bewegt sich. Wir stehen einfach nur da, sehen die russischen Soldaten vorbeifahren. Und warten. Worauf?“
Eine Art Vermächtnis übergibt sie nach der Lesung auch ihren jungen Zuhörern und Zuhörerinnen. „Ich weiß, dass ihr und eure Eltern keine Schuld habt. Ich möchte die Hand zur Versöhnung reichen“, sagt sie. „Hass ist schrecklich, und mit meinem Wirken möchte ich gegen den Hass angehen. Wir Zeitzeugen werden immer weniger. Deshalb seid ihr diejenigen, die diese Erinnerungen weiter tragen sollen, um Hass entgegenzuwirken. Es ist egal, was man ist, welche Hautfarbe man hat oder welcher Religion man angehört – es fließt in jedem Menschen dasselbe Blut.“
Wie sehr die Jugendlichen berührt waren, wurde dann auch an den Fragen deutlich. Wie haben Sie das ertragen? Wie war der Alltag? Haben Sie schon bei Hitlers Machtergreifung Hass gegen Juden verspürt? Gab es ein System, wie Juden im Untergrund versteckt wurden? Glauben Sie, dass sich so etwas wiederholen könnte?
Die letzte Frage beantwortet sich von selbst: Margot Friedländer ist nach 60 Jahren aus den USA, wo sie zusammen mit ihrem jüdischen Mann Adolf (den sie noch im DP [Displaced Persons]-Lager 1945 heiratete und der 1997 starb) lebte, in ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt, wo sie nun seit Sommer 2009 lebt. Den letzten Anstoß für die Heimkehr gab der Dokumentarfilm von Regisseur Thomas Halaczinsky „Don`t call it Heimweh“, in dem die 89-jährige über ihr Leben im Schatten berichtete und für dessen Dreharbeiten sie nach Berlin zurückgekehrt war.
Respekt, Bewunderung, Scham und Dankbarkeit, sind die häufigsten Wörter, mit denen die Schüler und Schülerinnen nach der Veranstaltung ihre Gefühle für die alte Dame beschreiben.
Und: Sie sind auch ihren beiden Lehrerinnen Janine Löblich und Christiane Wolf, dankbar, ihnen diese Art von „Geschichtsunterricht“ geboten zu haben.
„Zahlen, Fakten nimmt man zur Kenntnis, aber Frau Friedländer hat uns in Momentaufnahmen an diesem Leben und dieser schrecklichen Zeit teilnehmen lassen“, sagte hinterher ein Schüler. „Solche Veranstaltungen würden wir uns häufiger wünschen“, war die überwiegende Meinung.
Ein herzlicher Dank von der Schulleiterin Frau Meyer
Am Ende blieb für Margot Friedländer eine Umarmung – auch im Gedenken an diejenigen, die nicht überlebten. Und die Gewissheit, dass sie nahezu alle Schüler und Schülerinnen der 10a und 10b des HCOG an diesem Tag mit ihrem Anliegen erreicht und berührt hat.
Bianka Schreiber-Rietig

